Software, die dominiert
Über Palantir, Peter Thiel, und die Ideologie des totalen Blicks
Ein Mann sitzt an einem Tisch aus dunklem Eichenholz. Vor ihm: Karten, Instrumente, ein aufgeschlagenes Hauptbuch. Die Seiten zeigen keine Texte. Nur Namen. Nur Zahlen.
An der Wand hinter ihm hängt ein konvexer Spiegel: das klassische Auge der flämischen Malerei, das erfasst, was außerhalb des Bildes liegt. Die Figuren darin sind klein. Gesichtslos.
In einer Hand hält er einen Kompass. Nicht zum Navigieren. Zum Einteilen.
Das Licht fällt von oben links. Holbein hat Männer so gemalt, die Staatsräson als persönliches Projekt betrieben. Thomas Cromwell. Heinrich VIII. Männer, die Macht als Effizienz verstanden.
Der Mann im Bild trägt kein Schwert. Er braucht keins.
Palantir - benannt nach den allsehenden Steinen Tolkiens - nennt sein Produkt auf seinem eigenen Profil: »Software, die dominiert.«
Das Bild ist eine Fiktion. Die Infrastruktur ist es nicht.
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Es gibt einen Satz auf dem X-Profil von Palantir Technologies. Er steht dort einfach so, als Selbstbeschreibung, zwischen Impressum und letztem Post. Der Satz lautet: »We build software that dominates.«
Nicht: die besten Tools. Nicht: effiziente Lösungen. Dominiert.
Wer diesen Satz liest und weiterschrollt, hat nicht aufgepasst.
I. Das Manifest
Im April 2026 veröffentlichte Palantir auf X ein 22-Punkte-Dokument. Zusammenfassung eines Buchs, hieß es. The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West. Autor: CEO Alex Karp, zusammen mit Nicholas Zamiska.
Karp fordert darin Nationaldienst als universelle Pflicht. Das Ende der »Nachkriegs-Entmannung« Deutschlands und Japans. Hard Power statt moralischer Überzeugungskraft. Und: »Einige Kulturen haben bedeutende Fortschritte hervorgebracht; andere bleiben dysfunktional und regressiv.«
Dreiunddreißig Millionen Aufrufe in wenigen Tagen.
Der Philosoph Mark Coeckelbergh nannte es Technofaschismus. Yanis Varoufakis warnte vor »KI-betriebenen Killerrobotern als Ausdruck einer widerlichen Ideologie«. Engadget schrieb, es lese sich wie »die Gedanken eines Comic-Superschurken«.
Und doch: Nichts davon ist neu. Nichts davon ist überraschend. Es ist die Logik, die Palantir seit seiner Gründung 2003 betreibt - nur diesmal ohne Umhang.
II. Die Struktur des Blicks
Ich habe anderswo über prädiktive Polizeiarbeit geschrieben. Über Systeme, die Verdacht erzeugen, bevor eine Handlung stattfindet. Über den Staat, der nicht mehr auf Vergehen reagiert, sondern auf Wahrscheinlichkeiten.
Palantir ist die Infrastruktur dieser Wahrscheinlichkeit.
Seine Software integriert Kommunikationsdaten, Bewegungsprofile, Finanztransaktionen, Social-Media-Aktivitäten - in Echtzeit, für Militärs, Geheimdienste, Polizeibehörden. In Gaza hat Palantir nach einer strategischen Partnerschaft mit Israel Anfang 2024 Targeting-Datenbanken aufgebaut. Eingaben aus abgefangener Kommunikation, Satellitenmaterial, digitalen Quellen. Ergebnis: Listen. Wen man trifft. Was man trifft.
Kill Lists. Das Wort steht im Raum. Karp nennt es operative Effizienz.
Coeckelbergh benennt die Struktur dahinter präzise: Die Betonung totaler Sichtbarkeit, die Integration aller Datenströme in ein einziges operatives Bild - das klingt nach Ingenieurswesen. Aber Effizienz, was die Frankfurter Schule instrumentelle Rationalität nannte, kann zum politischen Wert werden, der alle anderen überschreibt. Deliberation. Pluralismus. Dissens. In einem solchen System ist die Reibung demokratischer Prozesse kein Feature. Sie ist ein Bug, der rausgepatcht gehört.
Habermas ist passé, schreibt Coeckelbergh. Schmitt ist zurück.
Was er nicht schreibt: Karp hat bei Habermas promoviert. In Frankfurt. Er kennt die Kritik. Er hat sie studiert. Und er baut ihr Gegenteil.
Das ist keine Naivität. Das ist Entscheidung.
III. Thiel - die tiefere Schicht
Peter Thiel ist der Hintergrund, vor dem Karps Manifest erst vollständig lesbar wird.
Thiel schrieb 2009 in einem Essay: »Freiheit und Demokratie sind unvereinbar.« Das war kein Ausrutscher. Das war Programm. Seitdem hat er dieses Programm gebaut - mit Palantir, mit Facebook-Kapital, mit Wahlkampfspenden für Trump, mit dem Seasteading Institute, mit Próspera, der privaten Sonderzone auf einer honduranischen Insel. Demokratie befreite Zone. Jeder Bürger bekommt einen Dienstleistungsvertrag statt einer Verfassung.
Sein Lieblingsbuch - dem er das Vorwort schrieb - heißt ‘The Sovereign Individual’. Es feiert die kognitive Elite, die sich von den »unordentlichen Anforderungen der Massendemokratie« befreit. Nicht als Versagen, sondern als Beweis, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.
Das Akkumulieren. Das Abschirmen. Das Entziehen.
In Zero to One, Thiels Startup-Manifest, steht der Kernsatz: »Wettbewerb ist für Verlierer.« Was er meint: Konkurrenz ist das System der Gleichen. Monopol ist das System der Überlegenen. Silicon Valley als natürliche Aristokratie.
Und Palantir als deren Schwertklingen-Fabrik.
IV. Was Herrschaft braucht
Ich habe über Stalkerware geschrieben. Über Software, die als Sicherheitstool verkauft wird, aber als Kontrollwerkzeug eingesetzt wird. Die Partner überwacht, Zwangsprostituierte kontrolliert, Bewegungen verfolgt, Nachrichten mitliest. Die in Trafficking-Strukturen eingesetzt wird, um Ausbruch zu verhindern.
Die Ähnlichkeit zur staatlichen Infrastruktur ist keine Metapher. Sie ist Kontinuum.
Dasselbe Versprechen: Schutz. Dieselbe Funktion: Kontrolle. Derselbe Effekt: Ausweg unmöglich machen.
Karp würde sagen, das sei ein unzulässiger Vergleich. Staatssicherheit ist nicht häusliche Gewalt. Vielleicht. Aber die Logik ist identisch: Der Blick als Unterwerfungsinstrument. Die Sichtbarkeit des Schwächeren als Garantie der Macht des Stärkeren.
Ich habe auch über Kryptowährungen und organisierte Kriminalität geschrieben. Über Strukturen, die Verschleierung als Geschäftsmodell betreiben. Was mich dabei immer interessiert hat: Nicht die Kriminellen, die das System missbrauchen. Sondern wie das System gebaut wurde - wer dabei war, und was sie wollten.
Thiel war früh in Krypto. PayPal war sein erster Versuch, Währung aus staatlicher Kontrolle herauszulösen. »Eine neue Währung außerhalb staatlicher Kontrolle schaffen« - so beschrieb er das selbst. Geld ohne Demokratie. Kapital ohne Rechenschaft.
Die Kriminalität ist nicht die Ausnahme in diesem System. Sie ist die Konsequenz.
V. Eugenische Substanz
Mein Urgroßvater wurde 1943 im Rahmen des T4-Programms ermordet. Er war für die Angehörigen eine ‘Belastung’. Er war dem Staat zu teuer. Er war, in der Sprache der Zeit, »lebensunwertes Leben«.
Ich denke an sie, wenn ich lese, was Thiel über Biologie schreibt. Über Enhancement. Über die Überwindung menschlicher Grenzen durch Technologie. Über eine Zukunft, in der die Kognitionselite sich vom Rest der Spezies absetzt - nicht metaphorisch, sondern genetisch, pharmakologisch, technisch.
Das ist nicht 1941. Die Sprache ist anders. Die Laboratorien sind privat.
Aber die Frage ist dieselbe: Wessen Leben gilt als förderungswürdig? Wessen Körper als aufrüstbar? Wessen Existenz als Ressource?
Karps Manifest nennt manche Kulturen »dysfunktional und regressiv«. Er meint damit Gesellschaften. Er könnte auch Menschen meinen. Die Grenze ist durchlässig. Sie war es immer.
Was das T4-Programm ausführte, hatte Jahrzehnte vorher als akademische Theorie begonnen. Als Effizienzfrage. Als Ressourcenfrage. Als Frage der nationalen Stärke.
Heute heißt es Technologische Republik.
VI. Was das Manifest verschweigt
Das Manifest sagt viel. Aber was es nicht sagt, ist aufschlussreicher.
Es sagt nicht: Wir bauen Kill Lists. Es sagt: operative Zieldatenbanken.
Es sagt nicht: Wir überwachen Migranten für ICE. Es sagt: Wir sichern die Grenzen der freien Welt.
Es sagt nicht: Unsere Aktionäre profitieren von Krieg. Es sagt: Silicon Valley hat eine moralische Schuld gegenüber der Verteidigung.
Das ist keine Lüge. Es ist Framing als Ideologie. Technik als Sprache, die Entscheidungen unsichtbar macht, indem sie sie als Notwendigkeiten darstellt.
Eliot Higgins von Bellingcat hat es auf den Punkt gebracht: Diese 22 Punkte sind keine Philosophie im luftleeren Raum. Sie sind die öffentliche Ideologie eines Unternehmens, dessen Einnahmen von den Positionen abhängen, für die es eintritt.
Das ist der Kern. Palantir verkauft keine Überzeugungen. Es legitimiert rückwirkend, was es ohnehin tut.
Das Manifest ist kein Aufbruch. Es ist eine Rechnung, die präsentiert wird, nachdem die Arbeit schon erledigt ist.
VII. Was bleibt
Wenn ein Unternehmen öffentlich schreibt, es baue »Software, die dominiert« - und gleichzeitig Targeting-Systeme für Kriege betreibt, Migrationsbehörden mit Überwachungsinfrastruktur ausstattet, und ein ideologisches Manifest veröffentlicht, das Kulturhierarchie, Militarisierung und das Ende demokratischer Reibung fordert -dann ist das keine Provokation. Keine Übertreibung. Kein Comic-Superschurke.
Das ist ein Geschäftsplan.
Ich habe in anderen Zusammenhängen geschrieben, wie Systeme - Rechtssysteme, Sozialsysteme, Überwachungssysteme - diejenigen schützen, die Macht haben, und diejenigen sichtbar machen, die keine haben. Stalkerware schützt Täter durch Datenschutz und exponiert Opfer durch Kontrolle. Predictive Policing exponiert arme Viertel und schützt privilegierte Strukturen durch Unsichtbarkeit. Offshore-Krypto exponiert Staaten durch Steuerflucht und schützt Kapital durch Anonymität.
Das Muster ist nicht zufällig. Es ist Architektur.
Und Palantir ist ein Teil dieser Architektur. Nicht der einzige. Aber einer der bestfinanzierten, bestvernetzten, und jetzt: offen selbstbekennenden.
Karp ist ein glücklicher Mann, schreibt Coeckelbergh. Er klingt wie jemand, der gewonnen hat.
Vielleicht hat er das.
Die Frage ist nur: Was genau?
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