Komplizin des Systems
Warum ich als Kapitalismuskritikerin dreimal an der Verdrängung mitgewirkt habe, die ich verabscheue
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Ich hasse den neoliberalen Kapitalismus.
Der neoliberale Kapitalismus ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, bei der der freie Markt als das zentrale Organisationsprinzip für das gesamte menschliche Zusammenleben gilt.
Ich habe das schon in meiner zensierten Doktorarbeit in den 1990ern zum Ausdruck gebracht, auf Demos gerufen, in Kneipengesprächen und auf Konferenzen bekräftigt, in jedem zweiten Social Media Post untermauert. Und ich war trotzdem, ganz ohne es zu wollen, drei Mal Teil genau des Mechanismus, den ich seit Jahren anprangere. Das ist die unbequeme Pointe dieses Textes: Man kann die Blaupause bis ins letzte Detail durchschauen und trotzdem mittendrin stehen, als eines der Zahnrädchen, die sie am Laufen halten.
Mein Mann ist Künstler. Wir sind dreimal umgezogen, weil dreimal dasselbe passiert ist. Ein Viertel, das billig war, weil es hässlich, laut, “problematisch” war - genau die Adjektive, die Investoren fernhalten, bis Künstler kommen. Wir haben, ohne einen einzigen Cent Kapital, die Drecksarbeit der Aufwertung gemacht: die verlassene Werkstatt zum Atelier gemacht, das leere Ladenlokal zur Galerie, die triste Straßenecke zum Ort, an dem plötzlich “was los ist”. Wir haben nichts davon besessen. Wir haben es nur bewohnbar, cool, fotogen gemacht - kostenlos, aus Not, aus Liebe zum Ort. Und dann kamen die, die das Kapital hatten, um zu kaufen, was wir bloß bewohnt hatten. New York, Paris, London, Seoul, Berlin, Amsterdam: überall dasselbe Drehbuch, nur die Sprache der Räumungsklage ändert sich. Der Kapitalismus braucht keine Bösewichte mit Zylinder und Zigarre mehr. Er braucht Künstler, die umsonst arbeiten, damit später jemand anders daran verdient, dass sie da waren.
Das Perfide daran: Wir waren nicht die Opfer eines fremden Systems, das über uns hereinbrach. Wir waren der Köder. Unsere Armut, unsere Kreativität, unser verzweifelter Bedarf an billigem Raum - all das war die Ressource, die abgebaut wurde, bevor man uns wegwarf wie eine ausgekohlte Mine. Man kann das ganz genau verstehen und sich trotzdem nicht dagegen wehren, weil man selbst keine andere Wahl hatte, als genau dorthin zu ziehen, wo man sich die Miete leisten konnte. Strukturkritik schützt nicht vor der eigenen Struktur.
Das Feigenblatt-Modell: Wie man als Aktivistin zur Dekoration eines Geschäftsmodells wird
Die zweite Runde dieser Erkenntnis kam nicht über meinen Mann, sondern über meinen eigenen Job. Ich habe für ein Unternehmen gearbeitet, eine Plattform, ein soziales Netzwerk für Sexarbeitende. Ich war die Mitarbeiterin, die selbst aus der marginalisierten Gruppe kam, die Aktivistin, die man vorzeigen konnte. Diversity-Statement erfüllt, Haken dran. Ich war das lebende Alibi dafür, dass dieses Unternehmen angeblich “auf der Seite” der Sexarbeitenden stand.
Nur: Die Plattform hat genau die Menschen, die sie zu vertreten vorgab, regelmäßig gesperrt. Wegen angeblichem Fehlverhalten, wegen Verstößen gegen irgendwelche Richtlinien, die selten transparent und noch seltener fair angewendet wurden. Jede Sperrung bedeutete für die betroffenen Frauen (und alle anderen Sexarbeitenden) den sofortigen Wegfall ihres Einkommens. Kein Widerspruchsrecht, das etwas gebracht hätte. Keine Nachsicht. Nur die kalte Logik einer Plattform, die ihre eigenen Nutzerinnen als Risikofaktor behandelt, den man bei Bedarf abschaltet, während man gleichzeitig an ihrer Arbeit verdient.
Ich habe gewarnt. Ich habe Verbesserungsvorschläge gemacht, immer wieder, mit der naiven Hoffnung, dass jemand mit Entscheidungsgewalt zuhört, wenn die Kritik nur konstruktiv genug formuliert ist. Man hat mir zugehört, wie man eben zuhört, wenn man bereits weiß, dass man nichts ändern wird: freundlich, interessiert, folgenlos. Meine Anwesenheit im Unternehmen war das Signal nach außen. Meine Inhalte waren irrelevant für das, was innen passierte. Das ist die Definition von Tokenism: Man engagiert die Stimme der Betroffenen, nicht um ihr zuzuhören, sondern um sagen zu können, dass man ihr zugehört hat.
Sexarbeit: Die konsequenteste Form des Kapitalismus, die es gibt
Und hier kommt der Teil, bei dem ich mir selbst am wenigsten Absolution gebe. Denn was ist Sexarbeit anderes als der Kapitalismus, zu Ende gedacht? Wenn dieses System eine Grundannahme hat, dann die: Alles ist Ware, wenn nur ein Markt dafür existiert. Arbeitskraft ist Ware. Zeit ist Ware. Aufmerksamkeit ist Ware, wie jede Social-Media-Plattform beweist, die mit unseren Daten handelt, während wir glauben, wir würden nur “connecten”. Sexarbeit macht diese Logik nur ehrlicher, indem sie die letzte Grenze einreißt und den Körper selbst, die Intimität selbst, in die Warenform presst. Kein Euphemismus, keine Umverpackung als “Content” oder “Community” - die Ware ist der Körper, der Umgang, die Nähe.
Genau deshalb ist Sexarbeit auch der Ort, an dem der Kapitalismus am unverhülltesten zeigt, wie er mit seinen Waren umgeht, wenn sie nicht mehr profitabel oder nicht mehr “compliant” sind: Er entsorgt sie. Zahlungsdienstleister, App-Stores, Plattform-Richtlinien, Influencer, Journalisten, Zuhälter - ein ganzes Ökosystem aus Intermediären, das an der Kommodifizierung des Körpers verdient, sich aber gleichzeitig moralisch reinwäscht, indem es genau die Menschen sanktioniert, die diese Ware liefern. Die Plattform, für die ich gearbeitet habe, war kein Ausreißer. Sie war ein Lehrbuchbeispiel. Sie hat den ultimativen Rohstoff des Kapitalismus - den menschlichen Körper als Dienstleistung - genommen, daran verdient, und die Lieferantinnen dieses Rohstoffs behandelt wie Verschleißteile.
Und ich? Ich habe dort gearbeitet, an einem Gehaltsscheck, der aus genau diesem Modell finanziert wurde. Ich, die “engagierte Aktivistin”, war ein Teil der Wertschöpfungskette, die ich eigentlich kritisierte. Meine Empörung war real. Mein Gehalt kam trotzdem von dort.
Keine Absolution, nur Ehrlichkeit
Ich schreibe das nicht, um mir selbst zu vergeben, und auch nicht, um mich öffentlich zu kasteien - das wäre nur eine weitere Form von Selbstinszenierung, ein Ablasshandel in Textform. Ich schreibe es, weil linksliberale Kapitalismuskritik zu oft so tut, als gäbe es einen sauberen Ort außerhalb des Systems, von dem aus man es kommentieren kann. Den gibt es nicht. Wer mietet, wer arbeitet, wer überhaupt konsumiert, ist verstrickt. Die Frage ist nicht, ob man Teil des Systems ist - das ist man immer -, sondern ob man das anerkennt oder sich mit der eigenen Empörung eine Ausnahme von der eigenen Analyse einredet.
Ich bin Überlebenskünstlerin, nicht weil ich es cool finde, sondern weil man das werden muss, wenn man dreimal verdrängt wurde und trotzdem noch an eine bessere Version dieses Systems glauben will, ohne sich selbst dabei anzulügen. Vielleicht ist genau das der einzige ehrliche Ausgangspunkt für Kritik, die etwas taugt: nicht der Blick von außen, den es nicht gibt, sondern das Eingeständnis, mit welchen Händen man selbst mitgebaut hat, woran man leidet.
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