Finger weg
Was ich einem jungen Menschen über das Internet sagen würde
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Die Frage kommt inzwischen öfter, und sie kommt nie beiläufig. Ein junger Mensch, vielleicht zwanzig, sieht mich als eine an, die seit Mitte der Neunziger im Netz lebt - die für Plattformen gearbeitet, E-Commerce-Unternehmen aufgebaut, sich mit Zahlungsdienstleistern herumgeschlagen und als Aktivistin die stille Häme des Shadowbannings erfahren hat -, und fragt: Was hat mir das Internet eigentlich gebracht, das den Missbrauch, die Fakes, die Hassrede und die technischen Zumutungen aufwiegt? Und ich merke, wie sehr mich die Antwort in die Enge treibt. Der erste Impuls, ehrlich gesagt, lautet: Finger weg. Aber dieser Impuls verdient es nicht, unwidersprochen stehen zu bleiben, und ich schulde der Frage mehr als eine Kapitulation.
Die Erzählung, mit der alles begann
Am 8. Februar 1996, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, schrieb der amerikanische Songtexter und Internet-Aktivist John Perry Barlow seine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace”. Sie beginnt mit den Worten: „Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid bei uns nicht willkommen. Ihr habt keine Souveränität dort, wo wir uns versammeln.” Es ist ein Text von berückender Naivität und großer Schönheit, geschrieben ausgerechnet inmitten der Konzernelite, die diesen Raum später restlos kolonisieren sollte. Ich habe diese Erzählung geglaubt, als ich anfing. Ein Raum ohne Grenzen, ohne Gatekeeper, in dem eine Person mit einer Idee und einem Modem so viel Reichweite haben konnte wie ein Verlag. Für eine Weile stimmte das sogar, in Ausschnitten, an Rändern. Und genau da liegt die erste Schwierigkeit jeder ehrlichen Antwort: Die Enttäuschung, die wir heute verhandeln, misst sich an einem Versprechen, das nie eingelöst werden sollte, weil es strukturblind war. Barlow übersah, dass ein Raum ohne Staaten nicht automatisch ein Raum ohne Macht ist. Er wurde nur ein Raum mit anderen Mächten.
Was die Forschung inzwischen weiß
Die Wirtschaftspsychologin Shoshana Zuboff hat für das, was seither entstanden ist, den Begriff des Überwachungskapitalismus geprägt: ein System, das menschliche Erfahrung einseitig als Rohstoff behandelt, sie in Verhaltensdaten übersetzt und daraus - über maschinelles Lernen - Vorhersageprodukte macht, die verkauft werden. Das Perfide daran, schreibt Zuboff, ist nicht nur die Beobachtung, sondern der aktive Eingriff: Die aussagekräftigsten Daten gewinnt man nicht durchs Zusehen, sondern dadurch, dass man Verhalten anstößt und in profitable Richtungen lenkt. Wer durch die eigene Timeline scrollt und sich fragt, warum genau dieser Beitrag, genau jetzt, genau diese Wut auslöst - der hat diesen Mechanismus am eigenen Leib erlebt, nicht als Metapher.
Was das Shadowbanning betrifft: Es ist kein Hirngespinst und keine reine Paranoia Betroffener, sondern inzwischen ein eigenes Forschungsfeld. Shadowbanning bezeichnet eine Form intransparenter Moderation, bei der Inhalte für die Community unsichtbar gemacht werden, ohne dass die betroffene Person davon erfährt. Eine Befragung von tausend US-amerikanischen Social-Media-Nutzer:innen ergab, dass rund zehn Prozent angeben, davon betroffen gewesen zu sein - überproportional oft Menschen, die nicht cisgeschlechtlich sind, hispanischer Herkunft oder anderweitig am Rand der von den Plattformen imaginierten Norm stehen. Das ist genau die Erfahrung, die ich „erlitten und erduldet” nenne: eine Plattformarchitektur, die vorgibt, neutral zu sein, und strukturell doch bestimmte Stimmen leiser dreht als andere. Der Digital Services Act der EU, seit Februar 2024 vollständig anwendbar, verpflichtet große Plattformen inzwischen zumindest zur Offenlegung ihrer Moderationslogiken und Algorithmen - ein Versuch, dieser Intransparenz beizukommen, dessen Wirkung sich erst noch zeigen muss.
Auch die Erfahrung mit Zahlungsdienstleistern ist kein Einzelschicksal, sondern ein dokumentiertes Muster, das in der Forschung „financial deplatforming” heißt. Eine Erhebung der Free Speech Coalition unter erwachsenen Content-Creator:innen ergab, dass 46 Prozent von ihnen innerhalb eines Jahres den Zugang zu Finanzdienstleistungen wie PayPal oder Venmo verloren hatten - meist ohne Vorwarnung, ohne nachvollziehbare Begründung, mit überproportionaler Wirkung auf Schwarze, migrantisierte und trans Personen. Die US-Handelsaufsicht FTC hat 2025 erstmals gewarnt, dass ein solches Vorgehen gegen Wettbewerbs- und Verbraucherschutzrecht verstoßen könnte. Das Netz hat also, in Ihrer eigenen Biografie gespiegelt, nicht nur Räume geöffnet, sondern auch neue, privatwirtschaftlich kontrollierte Schranken errichtet - Schranken, die niemand demokratisch legitimiert hat und gegen die es kaum Einspruch gibt.
Und dann ist da die Frage der Jugend und der psychischen Gesundheit, die gerade besonders laut verhandelt wird. Jonathan Haidts Bestseller „The Anxious Generation” behauptet einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und der seit den frühen 2010er-Jahren sprunghaft gestiegenen Rate an Depression, Angststörungen und Selbstverletzung bei Jugendlichen. Es ist ein wichtiges Buch - und ein wissenschaftlich umstrittenes. Forscherinnen wie Amy Orben widersprechen der These einer eindeutigen Kausalität deutlich; die Korrelation ist real, die Ursachenkette komplizierter, als ein Bestseller es verträgt. Ich erwähne das nicht, um das Problem kleinzureden, sondern weil Redlichkeit verlangt, dass man auch die eigene Klage nicht überzieht. Das Netz macht nicht alles kaputt, was mit jungen Menschen heute nicht stimmt. Aber es ist auch nicht harmlos, und die Plattformen, die von möglichst langer Verweildauer leben, haben keinerlei strukturellen Anreiz, das zu ändern.
Die Kehrseite, die man selten mitdenkt
Und doch. Bevor ich einem jungen Menschen sage, er solle diesem Raum fernbleiben, muss ich mich an eine Zahl erinnern, die meine eigene Position relativiert: Ende 2025 waren laut der Internationalen Fernmeldeunion erstmals mehr als sechs Milliarden Menschen online - aber immer noch 2,2 Milliarden Menschen, etwa ein Viertel der Weltbevölkerung, sind es nicht. 96 Prozent von ihnen leben in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen; die Internetdurchdringung liegt dort bei 23 Prozent, in den reichen Ländern bei 94. Wer heute sagen kann „Finger weg, es lohnt sich nicht”, tut das aus einer Position, die selbst ein Privileg ist - die Position von jemandem, der oder die bereits alles bekommen hat, was der Zugang zu geben hatte, bevor sie begann, seine Kosten zu beklagen. Das entwertet die Kosten nicht. Aber es sollte uns vorsichtig machen mit Ratschlägen, die wie Weisheit klingen und eigentlich Erschöpfung sind.
Die Soziologin Zeynep Tufekci hat in „Twitter and Tear Gas” eine Formel geprägt, die mir seit Jahren nachgeht: Macht und Zerbrechlichkeit vernetzten Protests gehören zusammen. Das Netz hat es fremden, unsichtbaren, an den Rand gedrängten Menschen erlaubt, sich in Windeseile zu organisieren - vom Tahrir-Platz bis zum Gezi-Park -, ohne die jahrelange Vorarbeit, die frühere Bewegungen brauchten. Aber genau diese Geschwindigkeit ist die Schwäche: Bewegungen, die sich ohne langsam gewachsene Führungsstrukturen formieren, zerfallen oft ebenso schnell, wie sie entstanden sind, sobald Staaten mit Desinformation, Ablenkung und Überwachung zurückschlagen. Das Netz hat also nicht die Machtverhältnisse abgeschafft, die es abzuschaffen versprach - aber es hat sie, für begrenzte, kostbare Momente, verschiebbar gemacht. Ich habe das selbst erlebt, in kleinerem Maßstab: Kampagnen, die ohne Netz nie eine Öffentlichkeit gefunden hätten, Allianzen mit Menschen auf anderen Kontinenten, die ich nie hätte treffen können, ein Publikum für Waren und Worte, das lokal nie existiert hätte.
Was ich stattdessen sagen würde
Also nicht: Finger weg. Sondern etwas Undankbareres, weil es keine Erleichterung verschafft: Geh hinein mit offenen Augen, nicht mit offenem Herzen. Verstehe, dass jede Plattform ein Geschäftsmodell ist, bevor sie ein Ort ist, und dass ihre Architektur nie neutral ist - Empörung wird belohnt, Uneindeutigkeit wird bestraft, und wer an den Rändern der Norm steht, wird eher unsichtbar gemacht als gehört. Rechne damit, dass Konten gesperrt, Inhalte gedämpft, Zahlungen storniert werden können, ohne dass dir irgendjemand Rechenschaft schuldet - und baue dir deshalb nie nur einen einzigen Kanal, ein einziges Konto, eine einzige Abhängigkeit. Vertraue Regulierung wie dem Digital Services Act nicht, weil sie das Problem löst, sondern nutze sie als Hebel, weil sie eine Tür öffnet, die es vorher nicht gab. Und vor allem: Verwechsle die Erschöpfung, die aus jahrelangem Kampf gegen ein System entsteht, nicht mit einer Wahrheit über den Wert dieses Systems für jemanden, der oder die am Anfang steht.
Das Internet ist kein Cyberspace mehr, kein neues Zuhause des Geistes. Es ist Infrastruktur geworden, so banal und so mächtig wie Stromnetz oder Postwesen - man kann es nicht klug meiden, man kann nur klug in ihm handeln. Wer jung ist und mich fragt, was es bringt, dem würde ich nicht die Zumutungen verschweigen, die ich getragen habe. Aber ich würde auch nicht verschweigen, dass ich ohne dieses fehlerhafte, ausbeuterische, gelegentlich grausame Netz nie die Menschen erreicht hätte, für die ich mich eingesetzt habe, nie die Geschäfte hätte führen können, die mich unabhängig gemacht haben, nie die Solidarität gefunden hätte, die mich durch die schlimmsten Sperrungen und Shadowbans getragen hat. Die Antwort ist nicht Finger weg. Die Antwort ist: Geh hinein, wie man in ein fremdes Land reist, dessen Gesetze man nicht gemacht hat - wachsam, misstrauisch gegenüber den Versprechen, aber offen für das, was sich dort trotzdem noch bauen lässt.
Quellen
A Declaration of the Independence of Cyberspace, John Perry Barlow (EFF)
Content Moderation with Shadowbanning - Information Systems Research
An end to shadow banning? Transparency rights in the Digital Services Act - ScienceDirect
Visa, Mastercard, PayPal, Stripe warned of debanking consequences - Banking Dive
The great rewiring: is social media really behind an epidemic of teenage mental illness? - Nature
Is social media behind the decline in youth mental health? - LSE Review of Books
ITU: Global Internet use rises, but core digital divides continue to deepen
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