Die Liebeslüge
Notiz zu Haraway
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Katzen und Hunde wissen es nicht. Sie wissen nicht, dass sie Spiegel sind. Das macht sie so brauchbar.
Donna Haraway weiß es. Sie nennt den „Diskurs der bedingungslosen Liebe“ beim Namen - und widerspricht ihm. Nicht weil Liebe falsch wäre. Sondern weil Bedingungslosigkeit eine Lüge ist, die wir brauchen, um nicht hinzuschauen.
Das liebende Subjekt kommt mit sich nicht klar. Das ist kein Makel. Das ist die Ausgangslage. Es wendet sich einem anderen zu - Mensch, Tier, Idee - und was es sucht, ist keine Begegnung. Es sucht eine Fläche. Glatt genug, um sich darin zu erkennen. Nachgiebig genug, um nicht zu widersprechen.
Das Haustier ist die perfekte Konstruktion dafür.
Es schweigt auf eine Weise, die wie Zustimmung aussieht. Es bewegt sich, wärmt, reagiert - und projiziert nichts zurück außer dem, was wir hineinlegen. Tierliebe ist deshalb oft keine Liebe im schwierigen Sinn. Sie ist Verwaltung des eigenen Inneren unter Tierbeteiligung.
Haraways Formulierung, auf die eine aktuelle Lektüre ihres Manifest für Gefährten aufmerksam macht, ist präzise und unbequem: „Bedingungslose Liebe voneinander zu erhalten“ sei eine „selten entschuldbare neurotische Phantasie.“ Das trifft nicht nur die Tierliebe. Es trifft die Liebe als solche.
Denn Liebe gibt es nur als Narzissmus. Was nicht heißt, dass sie nicht existiert. Es heißt, dass sie immer im - meist uneingestandenen - Widerspruch zu sich selbst operiert. Das Subjekt liebt und täuscht sich dabei. Es liebt das Bild, das es vom anderen entwirft. Es liebt die Lücke, in die der andere passt.
Das ist keine Kritik. Das ist Struktur.
Der Sentimentalismus ist die Weigerung, diese Struktur anzusehen. Er tarnt sich manchmal als Zärtlichkeit, manchmal als Gleichgültigkeit - aber in beiden Fällen läuft dasselbe ab: Das Objekt der Zuwendung wird überhäuft. Mit Gedankenlosigkeit. Mit Gefühl, das sich selbst meint.
Und hier wird es politisch.
Der unreflektierte Sentimentalismus ist der kapitalistischen Ausbeutungsdynamik nicht zufällig benachbart, sondern strukturell koextensiv. Wer nicht hinschaut, was er liebt, schaut auch nicht hin, unter welchen Bedingungen das Geliebte existiert. Die Zuchtindustrie, die Massentierhaltung, die Züchtungsqualen hinter dem Kuscheltier im Schaufenster - das alles verschwindet hinter dem Bild, das die Liebe braucht, um sich selbst zu erhalten.
Sentimentalismus schützt sich durch Volumen. Je mehr Gefühl, desto weniger Frage.
Aber Haraway macht noch einen anderen Zug, den man leicht überliest. Sie sagt nicht: Liebt weniger. Sie sagt: Strebt nach der „Erfüllung des chaotischen Verliebtseins.“ Das ist etwas anderes. Chaotisches Verliebt-Sein ist kein Mangel an Kontrolle. Es ist die Bereitschaft, vom anderen tatsächlich gestört zu werden.
Das ist der entscheidende Punkt.
Der andere - das Tier, der Mensch, das Wesen, das nicht ich ist - schaut zurück. Nicht als Spiegel. Als etwas, das eine eigene Wahrnehmung hat, eine eigene Zeitlichkeit, eigene Bedürfnisse, die sich meinen nicht fügen. Das chaotische Verliebt-Sein beginnt dort, wo die Projektionsfläche anfängt, sich zu bewegen. Wo sie unbequem wird. Wo sie aufhört, das zurückzuwerfen, was ich hineingeworfen habe.
Das nennt Haraway Respekt. Nicht Höflichkeit. Nicht Distanz. Respekt als aktive Haltung gegenüber dem, was der andere wirklich ist - jenseits meines Bedarfs, ihn zu lieben.
Die Liebeslüge liegt also nicht darin, dass Liebe lügt. Sie liegt darin, dass sie die Wahrheit über sich selbst nicht erträgt. Dass sie sich als Gefühl ausgibt, das dem anderen gilt - während es sich selbst meint. Das ist nicht auflösbar. Das ist, wie Haraway es formuliert, eine Aporie: Liebe existiert im Widerspruch zu sich selbst, und dieser Widerspruch ist nicht ihr Scheitern.
Er ist ihr Ort.
Was bliebe, wenn wir ihn bewohnten - diesen Widerspruch, dieses chaotische Verliebt-Sein ohne Projektionsgarantie - wäre keine reinere Liebe. Es wäre eine ehrlichere. Eine, die dem anderen zugesteht, nicht Fläche zu sein.
Auch dem Tier.
Besonders dem Tier.
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