Die heimliche Tauben-Patin
Ein urbanes Drama mit Erdnüssen, schlechtem Gewissen und Fluchtplan
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Es begann, wie alle heimlichen Verbrechen beginnen: mit Unschuld und einem Wintermorgen. Der Boden hartgefroren. Die Tauben mit jenem Blick, der sagt: Wenn du jetzt wegschaust, bist du ein schlechter Mensch. Ich warf ein paar Körner hin.
„Nur dieses eine Mal.“
Das war mein Fehler. Nicht die Körner. Der Satz.
Heute bin ich die heimliche Tauben-Patin des Viertels. Jeden Morgen in der Dämmerung schleiche ich mich hinaus - eine Tüte unter dem Arm, Blick über die Schulter, Herzschlag leicht erhöht. Zwei Tüten: 25 Kilo Taubenfutter pro Monat. Rechte Tüte: Erdnüsse und Katzenfutterreste für die Krähen. Man könnte es einen Sozialdienst nennen. Man könnte es auch eine Sucht nennen. Beides wäre korrekt.
Die Tauben sind pünktlich wie Schweizer Uhren und schauen mich an wie eine Gottheit, die täglich erscheint und es Körner regnen läßt. Die Krähen - Frau Oberst Krähe an der Spitze - sind strategischer. Sie wissen genau, was sie von mir wollen, und sie wissen, dass ich es geben werde. Wir haben eine Abmachung, auch wenn ich sie nie unterschrieben habe.
Dann ist da noch der Fuchs.
Er war schon vor mir da, ein eleganter Schatten in der Vorstadt-Dämmerung. Neulich versuchte er, sich meinem Taubenschwarm zu nähern - und wurde von exakt jener Krähe verjagt, die ich zehn Minuten zuvor bestochen hatte. Ich stand da, Tüte in der Hand, und verstand mit einem Schlag die ganze Ironie meiner Existenz: Ich finanziere beide Seiten der Nahrungskette. Die Beute. Die Jäger. Das ganze Ökosystem läuft auf meinem Schuldgefühl.
Das Ganze läuft, versteht sich, streng geheim.
„Füttern von Tauben verboten“ steht irgendwo in einer Hausordnung, und ich habe keine Lust, das auszuprobieren. Also: Dämmerungs-Aktionen. Blick Richtung Nachbarfenster. Rückzug bei Verdacht. Die Taktik eines mittelmäßigen Spionageromans, die Konsequenzen eines Wohnungsverlustes.
Aber ich habe einen Plan. Einen echten, leicht irren, vollständig ernst gemeinten Plan: einen eigenen Taubenschlag in der Nähe. Der Schwarm zieht um. Die Fütterung verlagert sich. Ich werde nicht mehr wie eine Drogenhändlerin durch die Büsche schleichen müssen. Das Projekt steht noch ganz am Anfang - Budget, Genehmigungen, geeigneter Standort, das übliche Drama - aber es gibt Hoffnung. Immer gibt es Hoffnung, wenn man tief genug in einer Sache drin ist, um nicht mehr zurück zu können.
Bis dahin bleibe ich die anonyme Wohltäterin, die beiden Seiten des Nahrungsketten-Dramas sponsert. Die Tauben werden fett. Die Krähen werden schlau und brutal und schön. Der Fuchs wird frustriert. Und ich werde langsam ärmer - aber reicher an jenen absurden Momenten, die sich niemand ausdenken würde, die aber das eigentliche Leben sind.
Was denken die Tiere über mich? Die Tauben sehen ihre Futterfee. Die Krähe weiß, dass ich ihre Komplizin bin. Und der Fuchs - der Fuchs ahnt vielleicht, dass die neue Frau im Viertel das ganze Gleichgewicht verschoben hat. Zu seinen Ungunsten.
Moral der Geschichte?
Es gibt keine. Nur eine Frau mit zwei Tüten im Morgengrauen, die versucht, allen gerecht zu werden - und hofft, dass der Taubenschlag fertig ist, bevor die Hausverwaltung es herausfindet.
Ich liebe dieses verrückte Leben. Viel zu sehr. Seit dem ersten Mal, als ich dachte: Nur dieses eine Mal.
Update: ich bin jetzt erwischt worden und musste das füttern einstellen. Shit happens.
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