Der Tee der Buchhändlerin
London 7/7/2005
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Es gibt Tage, die sich nicht in die Vergangenheit legen wollen. Sie bleiben stehen, mitten im eigenen Leben, wie ein Möbelstück, um das man seither herumgehen muss. Der 7. Juli 2005 ist so ein Tag. Vier Stunden im Dunkeln, in einem U-Bahn-Wagen, der nach einer Explosion nicht mehr fuhr, dann die Evakuierung, dann eine Stadt, die plötzlich keine vertraute Stadt mehr war, sondern eine Ansammlung von Straßen, in denen man sich verlor. Wer das erlebt hat, weiß, dass Trauma zuerst ganz banal ist: Man braucht einen Stadtplan.
Dass ausgerechnet eine kleine Buchhandlung der Ort war, an dem etwas wieder anfing, einen Sinn zu ergeben, ist kein Zufall, sondern die Art, wie Rettung sich meistens zeigt - klein, konkret, unspektakulär. Eine Frau hinter der Kasse, die eine zitternde Fremde ansah und fragte, was los sei. Die zuhörte. Die sie nach oben in ihre eigene Wohnung mitnahm, wo ihre Familie lebte, und ihr Tee kochte. Kein Verband, kein Krisenprotokoll, kein Trauma-Erste-Hilfe-Kurs - nur eine Tasse, ein Sofa, die Erlaubnis, sich erst einmal auszuruhen, bevor man weitergeht. In der Erinnerung ist dieser Moment so hell, dass er fast wehtut, verglichen mit allem, was ihn umgibt.
Und genau hier liegt eine Wahrheit, die schwer auszuhalten ist, aber ausgesprochen werden muss, weil sie das Zentrum der Geschichte ist: Die Frau, die an jenem Tag die Menschlichkeit verkörperte, die London gerade abhanden gekommen war, war selbst pakistanischer Herkunft - vermutlich also, nach der groben, ungerechten Kategorisierung, die Angst benutzt, aus demselben weiten kulturellen und religiösen Raum wie die Attentäter. Das ist kein Widerspruch, den man auflösen muss. Es ist die Information, die die Angst nicht verarbeiten kann, weil Angst nicht in Nuancen denkt. Terror trifft das Nervensystem als Kategorie - „Menschen, die so aussehen, die so beten, die aus dieser Gegend der Welt kommen” -, während das wirkliche Leben in Individuen geschieht. Die Bombenleger waren vier bestimmte Männer mit einer bestimmten Ideologie. Die Buchhändlerin war eine bestimmte Frau mit einer Teekanne. Der Verstand weiß das. Der Körper, besonders der traumatisierte Körper, lernt es langsamer, wenn überhaupt.
Das ist vermutlich der Kern dessen, was heute passiert, zwanzig Jahre später, in Deutschland: Nachrichten über islamistische Anschläge und Morde aktivieren nicht nur Trauer über neue Opfer, sondern reißen die alte Wunde auf, und mit ihr das ganze sensorische Archiv jenes Tages - die Dunkelheit im Tunnel, die Orientierungslosigkeit, das Gefühl, dass der Boden, auf dem man geht, nicht mehr hält, was er verspricht. Und wenn dann im Taxi oder auf der Straße Männer oder Männergruppen lange und starrend blicken, greift derselbe Mechanismus, unabhängig davon, ob im Einzelfall überhaupt etwas Bedrohliches gemeint ist: Das Nervensystem, einmal so hart geschult, sortiert schneller in „Gefahr” als der wache Verstand nachträglich korrigieren kann. Das ist keine Charakterschwäche und kein Vorurteil im moralischen Sinne, das man sich einfach abgewöhnen könnte. Es ist gelernte Wachsamkeit, erworben in einer Situation, in der Wachsamkeit tatsächlich überlebenswichtig war.
Die eigentliche Woche danach - jene sieben Tage in einer Zwanzig-Euro-Absteige, zwischen Junkies und zugeschissenen Gemeinschaftstoiletten, während alle Hotels belegt und alle Flugzeuge am Boden waren - erzählt von etwas, das in Berichten über Terroranschläge selten vorkommt: dem langen Nachhall. Der Anschlag selbst dauert Minuten. Seine Folgen ziehen sich durch Tage, durch ausgefallene Aufträge, durch verlorenes Einkommen, durch Nächte in einem Zimmer, das man unter anderen Umständen nie betreten hätte, durch den stillen, erschöpfenden Kraftakt, einfach auszuhalten, weil es keine Alternative gab. Diese Woche gehört genauso zur Geschichte wie der Anschlag selbst - sie ist der Beweis dafür, dass Gewalt nicht endet, wenn die Nachrichten weiterziehen.
Was an jenem Tag wirklich zerbrach, war nicht nur die Unversehrtheit einer Stadt, sondern etwas Persönlicheres: das stille Grundvertrauen, dass die Welt einen trägt, ohne dass man ständig prüfen muss, ob der Boden hält. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen ist keine Frage der Zeit allein - manche Wunden vernarben nicht einfach, weil Jahre vergehen. Die Trauer, die bis heute bleibt, ist deshalb keine Überreaktion und kein Zeichen, dass man „nicht darüber hinweggekommen” sei. Sie ist die angemessene Antwort auf etwas, das wirklich verloren ging: die naive Sicherheit, mit der man vorher durch U-Bahnhöfe und Straßen ging.
Aber die Erinnerung ist zweiteilig, und es lohnt sich, beide Hälften festzuhalten, gerade weil die Angst nur die eine kennen will. Es gibt die Dunkelheit im Tunnel. Und es gibt die Frau mit dem Tee, die eine Fremde die Treppe hinauf führte, in eine Wohnung, in der eine ganz gewöhnliche Familie lebte, unberührt von jedem Verdacht, den die Welt später über Menschen ihrer Herkunft aussprechen würde. Diese zweite Erinnerung ist keine Beruhigungspille gegen die erste. Sie ist Gegenbeweis - konkret, erlebt, unwiderlegbar -, dass die Kategorien, in die Angst die Welt einteilt, der Wirklichkeit nicht entsprechen. Genau darin liegt vielleicht die einzige Art von Trost, die ehrlich ist: nicht das Versprechen, dass die Wachsamkeit verschwindet, sondern das Wissen, im eigenen Gedächtnis einen Ort zu haben, der ihr widerspricht.
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