Anschlussfähigkeit
Von Zahnlücken und Goldzähnen - wie die Mitte die Sprache der Ränder lernt
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Ein Plakat. Schwarz auf Gelb. Zwei Sätze, die sich reimen sollen, ohne zu reimen.
Zahnlücken für Deutsche. Goldzähne für Ausländer.
Die NPD hat dieses Plakat geklebt. Vor Jahren schon. Lange bevor es CDU-Politiker für nötig hielten, über Zahnarztkosten von Geflüchteten zu sprechen, als handle es sich um eine staatstragende Frage.
Es ist keine.
Es ist ein Bild. Ein Bild von Knappheit, die es so nicht gibt. Ein Bild von Konkurrenz zwischen Eigenen und Fremden um einen Kuchen, der angeblich zu klein ist. Das Bild funktioniert nicht, weil es stimmt. Es funktioniert, weil es einfach ist.
I. Der Ursprung der Bilder
Sprache wandert.
Sie wandert von den Rändern in die Mitte, wenn die Mitte glaubt, sie könne sich die Bilder leihen, ohne sich die Absicht dahinter zu leihen.
Das ist ein Irrtum.
Im Februar 2026, beim CDU-Parteitag in Stuttgart, war von “Zahnarztkosten” die Rede - neben einem Vorschlag zur “Lifestyle-Teilzeit”. Beide Vorstöße sorgten, wie Merz selbst es in einem Interview einräumte, bei den Wahlkämpfern in Rheinland-Pfalz für großen Unmut. Er nannte sie Einzelmeinungen. Zwei zugespitzte Schlagzeilen, sagte er, machen noch keine Parteimeinung.
Das ist die übliche Verteidigung. Es war nur einer. Es war nur eine Überschrift.
Aber die Überschrift bleibt. Sie zirkuliert. Sie sät das Bild vom knappen Kuchen neu aus, jedes Mal ein bisschen tiefer im Boden des Sagbaren.
Welfare-Chauvinismus nennt die Forschung das: die Aufteilung von Sozialleistungen entlang der Linie Eigene/Fremde. Nicht neu. Nicht originell. Aber wirksam, gerade weil sie so banal klingt. Niemand muss “Ausländer raus” rufen. Es reicht, über Zähne zu sprechen.
II. Die Sprache der Härte
Es gibt einen zweiten Wanderweg. Er führt nicht durch Sozialpolitik, sondern durch Außenpolitik.
Im Februar 2026, im Gespräch mit der Rheinpfalz, beschrieb Bundeskanzler Merz Russland mit einem Zitat des französischen Historikers Astolphe de Custine aus dem 19. Jahrhundert - ein Land, in dem die tiefste Barbarei neben der höchsten Zivilisation zu finden sei. Merz fügte hinzu: Damit müssen wir uns abfinden. Das werde sich in absehbarer Zeit nicht ändern.
Nicht die Regierung. Nicht das System. Das Land. Die Menschen darin.
Die Weltwoche wies wenige Tage später auf etwas Unbequemes hin: Das Bild von “Russland als Reich der Barbarei” stammt nicht von Custine allein. Es findet sich, in nahezu identischer Formulierung, bei Heinrich Himmler.
Das macht Merz nicht zum Himmler. Das wäre eine billige Gleichsetzung, und billige Gleichsetzungen verfehlen den Punkt.
Der Punkt ist ein anderer: Bilder vom barbarischen Volk, vom unzivilisierten Anderen, der sich qua Wesen nicht ändern kann - diese Bilder haben eine lange Geschichte in der deutschen Außenpolitik. Sie wurden einmal benutzt, um Eroberung zu rechtfertigen. Heute werden sie benutzt, um Eskalation zu normalisieren. Das Vokabular ist dasselbe geblieben. Nur der Anlass hat gewechselt.
Wenn aus der Führungsrolle in Europa ein Führungsanspruch als Deutsche weltweit wird - wenn von “niederringen” die Rede ist, von Erschöpfung des Gegners, militärisch oder ökonomisch - dann ist das keine neue Sprache. Es ist eine alte Sprache in neuer Verpackung, ausgesprochen von einem Mann im Maßanzug, nicht im Braunhemd.
Das macht sie nicht harmloser. Das macht sie tarnfähiger.
III. Velvet Glove
Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl hat für dieses Phänomen einen Begriff geprägt: die Entradikalisierung der Sprache bei gleichbleibendem Kern. Rechte Inhalte, vorgetragen im Tonfall der bürgerlichen Mitte. Kein Geschrei. Keine Fackeln. Nur Anzug, Krawatte, ruhige Stimme - und ein Argument, das, würde man es bei der NPD lesen, sofort erkannt würde.
Bei Merz wird es nicht erkannt. Weil der Anzug stimmt.
Das ist der Mechanismus, den die Forschung Anschlussfähigkeit nennt. Nicht: die Mitte wird zur extremen Rechten. Sondern: die extreme Rechte wird zitierfähig, ohne dass irgendwer ihre Quelle nennen muss. Das Plakat verschwindet. Der Satz bleibt.
Wer das beim Namen nennen will, gerät leicht in eine Falle. Man sagt “faschistoid” - und sofort dreht sich das Gespräch um den Begriff, nicht um die Sache. War das gerechtfertigt? Ist das eine Verharmlosung des historischen Faschismus? Ist das justiziabel?
Die Debatte über das Wort frisst die Debatte über die Tat.
Deshalb der andere Weg: zwei Zitate nebeneinanderlegen. Das NPD-Plakat. Der Satz über Zahnarztkosten. Custine bei Merz. Custine bei Himmler. Die Parallele zeigen, ohne sie behaupten zu müssen.
Das ist eine Form von Beweis, die robuster ist als jedes Etikett.
IV. Rotherham, Kurfürstenstraße
Ich kenne diesen Mechanismus aus einem anderen Kontext.
Institutionelles Schweigen funktioniert nach demselben Muster wie institutionelle Übernahme. Beide brauchen Distanz zur eigenen Verantwortung. Beide brauchen eine Sprache, die das Unerträgliche erträglich macht - durch Verwaltung, durch Ausschuss, durch Floskel.
In Rotherham hieß die Floskel: man wollte den sozialen Frieden nicht gefährden. In Berlin, an der Kurfürstenstraße, heißt sie: man kann nicht jedem Einzelfall nachgehen.
Beide Sätze klingen vernünftig. Beide Sätze schützen niemanden außer das System, das sie ausspricht.
Genauso die Zahnarztkosten-Debatte. Genauso die Barbarei-Rhetorik. Vernünftig klingende Sätze, bürgerlich vorgetragen, die eine Grenze verschieben - wessen Schmerz zählt, wessen Land verhandlungsfähig bleibt, wessen Existenz zur Kostenfrage wird.
V. Was bleibt
Kein Schlusswort über Faschismus.
Nur eine Beobachtung: Sprache, die einmal am Rand stand, steht jetzt in der Mitte. Niemand hat sie eingeladen. Sie ist einfach gewandert, Satz für Satz, Schlagzeile für Schlagzeile, bis die Herkunft vergessen war.
Wer das bemerkt, muss nicht “faschistoid” sagen.
Es reicht, hinzuschauen, wohin die Sätze wandern.
Und wer sie das nächste Mal hört, weiß: das Plakat war zuerst da.
Quellen: Rheinpfalz-Interview mit Bundeskanzler Merz (19.02.2026); Weltwoche, “Russland in einem Zustand der tiefsten Barbarei” (20.02.2026); ZDFheute, “Bundeskanzler Merz: Wir sind nicht mehr im Frieden” (29.09.2025); Natascha Strobl, Radikalisierter Konservatismus (2021).
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